Integrative Bewegungstherapie

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Integrative Bewegungs- und Leibtherapie

Die Integrative Bewegungs- und Leibtherapie (IBT) vertritt einen komplexen Bewegungsbegriff, der Bewegung als Lebensphänomen sieht, das Gefühls-, Gedanken- und Sozialbewegungen miteinbezieht: in der Bewegung drückt sich der ganze Mensch aus. Die IBT unterstützt leibliche Wahrnehmung und den psychomotorischen Ausdruck.

Grundlagen der Integrativen Bewegungstherapie nach Petzold (1988):

Die Integrative Bewegungstherapie wird als ganzheitliches Verfahren verstanden, das den Menschen in seiner Körperlichkeit, seinen Gefühlsregungen, seinem sozialen Umfeld und seinen geistigen Zielen erreichen will. Leider wird die Integrative Bewegungstherapie oft einer gymnastischen Methode gleichgesetzt, die vor allem auf den Körper und seine Aktivitäten gerichtet ist. Wir wissen aber, dass Bewegung den ganzen Menschen ausdrückt. Körperbild, Gesichtsausdruck und Gestik spiegeln auch etwas von der Geisteshaltung, der inneren Stimmung wider. Petzold erwähnt, dass eine Gesprächspsychoherapie, die nur auf der sprachlichen Ebene arbeitet und dabei vergisst, dass der Mensch eine körperliche Dimension hat, genauso unvollständig ist, wie eine Bewegungstherapie, die sich aus gymnastischen übungen zusammensetzt und die seelische Dimension des Menschen vergisst. Die Integrative Bewegungstherapie versteht die verschiedenen Bereiche des Menschen nicht nebeneinander, sondern miteinander verbunden. Die Gesamtgestalt des Menschen beinhaltet die körperlichen, geistigen, sozialen und psychischen Anteile.

Die IBT versteht den Leib und die Bewegung als Ausdruck des ganzen Menschen:
„Der Mensch ist ein Körper-Seele-Geist Subjekt in einem sozialen und öko­logischen Umfeld und Zeitkontinuum.“

Dieser anthropologische Ansatz bietet nun der Arbeit mit dem Menschen am Leibe eine Vielfalt von Möglichkeiten und zugleich die Verpflichtung, leibliche Störungen im sozialen, geschichtlichen Kontext zu suchen. Die Störungen betreffen die verschiedenen Ebenen:

die körperliche Ebene:Verlust der Sensibilität, Bewegungsfähigkeit, Kraft usw.

die psychische Ebene:Realitätsverlust, Abspaltung von Emotionen und Fantasie

die soziale Ebene:Beziehungsstörungen, Kontaktarmut, Bindungsunfähigkeit

die geistige Ebene:Fehlen des Lebenssinnes und Idealen, Verlust der geistigen Heimat

„Desintegration bleibt auf Dauer niemals auf eine Ebene beschränkt,“ (Petzold 1985)

Den hier angeführten Störungen kann nun durch IBT mit verschiedenen Modalitäten begegnet werden:

MODALITÄTEN:
Übungszentriert-funktional: funktional richtige Atmung und Haltung, Regulierung von Spannung und Entspannung, Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit.

Erlebniszentriert-agogisch: durch Wahrnehmung und Ausdruck wird der Körper als zu mir gehörig erfahren, als der Leib der ich bin (Illjine) und wir so zur Grund­lage für Eigenverantwortichkeit, Zentriertheit, Anmut und Würde.

Konfliktzentriert-aufdeckend: traumatische Erfahrungen, Störungen, Konflikte fin­den ihren Ausdruck im Leib, in sichtbaren und spürbaren Verspannungen und Haltungen, Bewegungs- und Verhaltensmustern. Der Kontakt zu den Gefühlen und biografischen Szenen und Atmosphären (Narrativen) geschieht über die Verstär­kung und Wahrnehmung des Leibes und die Aufarbeitung wird über den leibli­chen Ausdruck (Szenen, Haltungen …) stimuliert und verarbeitet. Dazu gehört wesentlich auch die kognitive und verbale Bearbeitung.

Die Veränderung der Störung kann jedoch nicht alleine über die persönliche Verhaltensmodifizierung geschehen, sondern braucht immer wieder den Blick auf das Ganze.

„Bei jeder konkreten Einzelsymptomatik, bei Erkrankungen, die durch Störungen im Arbeitsbereich ausgelöst werden, müssen im Hintergrund die Bedingungen gesehen werden, die destruktive Arbeitssituationen schaffen. Diese erfordern über die Einzeltherapie oder Supervision hinaus agogische und soziotherapeutische Interventionen, Solidarität und politisches Engagement. „ (Petzold Hilarion, Psychotherapie und Arbeitswelt, 1985, Paderborn, Junfermann, S187) i


Gefühle und Körper

So wie sich jedes Gefühl der Trauer, Wut Freude und Angst in Gestik und Mimik sowohl in der Körperhaltung als auch in der Bewegung ausdrückt, so kann es sich auch im Körper einprägen. Wird für diese Gefühle kein angemessener Ausdruck gefunden oder können Stresserlebnisse nicht reguliert werden, so können sie als verinnerlichte Belastungserfahrungen, als internalisierte Konflikte die unterschiedlichsten Beschwerden hervorrufen.

Diese drücken sich über den Körper aus.

Bewegung wird als „Lebensphänomen“ gesehen, Krankheit zumeist als Entfremdungserscheinung, z.B. als Fixierung oder „Erstarrung“.

Die körperlichen, emotionalen, geistigen Verfestigungen/Erstarrungen können in der Bewegungstherapie entdeckt, erfahren und im Leib- und Bewegungserleben sowie im Gespräch bewusst (gemacht) werden.

Indikationen für IBT sind z.B.Angststörungen, Depressionen, Erschöpfungszustände, Psychomatosen, Traumatisierungen wie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen, Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom und Selbstwertprobleme.

IBT fördert das Kennenlernen und Beeinflussen von leiblichen, d.h.psychophysischen Funktionen wie Atmung, Puls, Spannung/Entspannung, Elastizität, Flexibilität, Erholungsverhalten und wirkt stabilisierend und harmonisierend durch die Förderung und Verbesserung physiologischer Funktionen.

Ihre Ziele sind die differenzierte Wahrnehmung der eigenen bewussten und unbewussten Leibempfindungen und Gefühle mit ihrem biografischen Hintergrund, die psychophysische Selbstregulation, die Stress- und Konfliktverarbeitung, Empfindsamkeit für die „innere Bewegung“, das Angerührt-Sein und das das Finden eines persönlichen Ausdrücks in der äusseren Bewegung bis hin zum Tanz, Förderung von Spontaneität, Kreativität und Ausdrucksfähigkeit, das Aufdecken und Bewusstmachen von offensichtlichen oder verdeckten Konflikten und das Ausprobieren von neuen Bewegungs-, verhaltens- und Lebensmöglichkeiten, das Finden von Alternativen für das Leben im Netzwerk der sozialen Beziehungen.


Integrative Bewegungs- und Leibtherapie
ist verankert in der Integrativen Therapie, welche auf der Grundlage der Gestalttherapie (Perls 1969, Petzold 1973) des Psychodramas (Moreno 1946), der ungarischen Psychoanalyse (Ferenczi, Balint, Illjine) im Rahmen des Fritz Perls Instituts von Hilarion Petzold und KollegInnen entwickelt wurde. (Petzold, Integrative Bewegungs-und Leibtherapie, 1988, Paderborn, Junfermann)